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Sonntag, 26. Januar 2020

Die Jahre



Die Jahre sind allerliebste Leut 
Sie brachten gestern, sie bringen heut, 
Und so verbringen wir Jüngern eben 
Das allerliebste Schlaraffenleben.

Und dann fällt's den Jahren auf einmal ein, 
Nicht mehr wie sonst bequem zu sein, 
Wollen nicht mehr schenken, 
wollen nicht mehr borgen. 
Sie nehmen heute, sie nehmen morgen.


Johann Wolfgang von Goethe, 1749-1832, 


Das Jahrhundert ist vorgerückt 
jeder Einzelne aber fängt doch von vorne an.


Mittwoch, 8. Januar 2020

Lehre mich die Kunst der kleinen Schritte




Ich bitte nicht um Wunder und Visionen, Herr, sondern um Kraft für den Alltag. Lehre mich die Kunst der kleinen Schritte. Mach mich findig und erfinderisch, um im täglichen Vielerlei und Allerlei rechtzeitig meine Erkenntnisse und Erfahrungen zu notieren, von denen ich betroffen bin.
Mach mich griffsicher in der richtigen Zeiteinteilung, schenke mir das Fingerspitzengefühl, um herauszufinden, was erstrangig und was zweitrangig ist. Ich bitte um Kraft für Zucht und Maß, daß ich nicht durch das Leben rutsche, sondern den Tagesablauf vernünftig einteile, auf Lichtblicke und Höhepunkte achte, und wenigstens hin und wieder Zeit finde für einen kulturellen Genuß.
Laß mich erkennen, daß Träume alleine nicht weiterhelfen, weder über die Vergangenheit, noch über die Zukunft. Hilf mir, das nächste so gut wie möglich zu tun und die jetzige Stunde als die wichtigste zu erkennen.
Bewahre mich vor dem naiven Glauben, es müßte im Leben alles glatt gehen. Schenke mir die nüchterne Erkenntnis, daß Schwierigkeiten, Niederlagen, Mißerfolge, Rückschläge eine selbstverständliche Zugabe zum Leben sind, durch die wir wachsen und reifen.
Erinnere mich daran, daß das Herz oft gegen den Verstand streikt. Schick mir im rechten Augenblick jemand, der den Mut hat, mir die Wahrheit in Liebe zu sagen. Ich möchte dich und die anderen immer aussprechen lassen. Die Wahrheit sagt man nicht sich selbst, sie wird einem gesagt. Ich weiß, daß sich viele Probleme dadurch lösen lassen, daß man nichts tut.
Gib, daß ich warten kann. Du weißt, wie sehr wir der Freundschaft bedürfen. Gib, daß ich diesem schönsten, schwierigsten, riskantesten und zartesten Geschenk des Lebens gewachsen bin.
Verleih mir die nötige Phantasie im rechten Augenblick ein Päckchen Güte, mit oder ohne Worte, an der richtigen Stelle abzugeben. Mach aus mir einen Menschen, der einem Schiff mit Tiefgang gleicht, um auch die zu erreichen, die unten sind. Bewahre mich vor der Angst, ich könnte das Leben versäumen. Gib mir nicht, was ich mir wünsche, sondern was ich brauche.
Lehre mich die Kunst der kleinen Schritte!“


Antoine de Saint-Exupéry 1900 – 1944





Dienstag, 7. Januar 2020

Die Wohnung der Maus






Die Wohnung der Maus

Ich frag die Maus
Wo ist dein Haus
Die Maus darauf erwidert mir
Sag´s nicht der Katz
so sag ich´s dir

Treppauf Treppab
erst rechts dann links
dann wieder rechts
und dann gradaus
da ist mein Haus
du wirst es schon erblicken

Die Tür ist klein
und trittst du ein
vergiß nicht dich zu bücken

Johannes Trojan






Achte auf deine Gedanken



Achte auf Deine Gedanken
denn sie werden zu Gefühlen

Achte auf Deine Gefühle
denn sie werden zu Worten

Achte auf Deine Worte
denn sie werden zu Handlungen

Achte auf Deine Handlungen
denn sie werden zu Gewohnheiten

Achte auf Deine Gewohnheiten
denn sie werden Dein Charakter

Achte auf Deinen Charakter
denn er wird Dein Schicksal


Unbekannt


Samstag, 4. Januar 2020

Die Rose


Als sich die Rose erhob die Bürde ihres Blühens
und Duftens zu tragen mit Lust
hat sie dass es der letzte sein würde 
von ihren Tagen noch nicht gewusst

Nur dass sie glühnder noch werden müsste
reiner und seliger hingegeben dem Licht
spürte sie  ach dass zum Tode sich rüste
so wildes Leben bedachte sie nicht 

Als dann am Abend mit Mühe der Stängel
ihre hin geatmete Süße noch trug hauchte sie 
fallend dem kühlen Engel welk vor die Füße

War es genug


Eugen Roth






Mittwoch, 1. Januar 2020

Dem Revolutionär Jesus zum Geburtstag




Zweitausend Jahre sind es fast,
seit du die Welt verlassen hast,
du Opferlamm des Lebens!
Du gabst den Armen ihren Gott.
Du littest durch der Reichen Spott.
Du tatest es vergebens!

Du sahst Gewalt und Polizei.
Du wolltest alle Menschen frei
und Frieden auf der Erde.
Du wusstest, wie das Elend tut
und wolltest allen Menschen gut,
damit es schöner werde!

Du warst ein Revolutionär
und machtest dir das Leben schwer
mit Schiebern und Gelehrten.
Du hast die Freiheit stets beschützt
und doch den Menschen nichts genützt.
Du kamst an die Verkehrten!

Du kämpftest tapfer gegen sie
und gegen Staat und Industrie
und die gesamte Meute.
Bis man an dir, weil nichts verfing,
Justizmord, kurzerhand, beging.
Es war genau wie heute.

Die Menschen wurden nicht gescheit.
Am wenigsten die Christenheit,
trotz allem Händefalten.
Du hattest sie vergeblich lieb.
Du starbst umsonst.
Und alles blieb beim alten.


Erich Kästner


Winterwärme



 Winterwärme
Mit brennenden Lippen, unter eisblauem Himmel,
durch den glitzernden Morgen hin, in meinem Garten,
hauch ich kalte Sonne, dir ein Lied.
Alle Bäume scheinen zu blühen, von den reifrauhen Zweigen
streift dein Frühwind schimmernde Flöckchen nieder,
gleichsam Frühlingsblendwerk, hab Dank!
An meiner Dachkante hängt Eiszapfen neben Zapfen,
starr, die fangen zu schmelzen an.
Tropfen auf Tropfen blitzt, jeder dem andern
unvergleichlich, mir ins Herz.

Leopold Dehmel


Sonntag, 29. Dezember 2019

Prosit Neujahr


Es gibt bei Armen und Reichen

So manche Herzen bang und still;
Aus manchem dieser Herzen will
Die Sorge nimmer weichen.

Ich bin einer neuen Idee auf der Spur
Und überlege sie sehr:
Man sollte armen Leuten nur
Gutes tun oder sagen,
Ohne vorher oder hinterher
Nach ihnen zu fragen.

Wer hat das wohl zuerst bestellt,
Was nun so glatt sich leiert:
Dass jeder Stand und alle Welt
Terminlich trauert und feiert.

So Wünschlein-pünschlein den andern gleich
Will ich mich nüchtern betrinken,
Um gegen Morgen durchs Federweich
In Kaktusträume zu sinken.



Dass eine Mutschekuh,
Die vollgefressen mit Heu war,
Mein Zimmer betrat und rief mir zu:
"Prost Neujahr, Herr Doktor, 
Prost Neujahr!"


Joachim Ringelnatz, 1883-1934, 



Der Schwester zu Silvester


Der Schwester zu Silvester

Habe ein heitres, fröhliches Herz, 
Januar, Februar und März.
Sei immer mit dabei, 
In April und Mai.

Kreische vor Lust. 
In Juni, Juli, August,
Habe Verehrer, Freunde und Lober,
In September und Oktober.

Und bleibe meine gute Schwester,
Bis zum Dezember und nächsten Silvester.

Theodor Fontane


Von guten Mächten wunderbar geborgen, 
erwarten wir getrost, was kommen mag. 
Gott ist bei uns am Abend und am Morgen 
und ganz gewiß an jedem neuen Tag.

(Dietrich Bonhoeffer, 1906-1945)


Freitag, 6. Dezember 2019

Nikolaus im Wald



Es rauscht der Wind im Winterwalde
durch die kühle, graue Flur
und ein jeder hofft - schon balde,
find er St. Nikolauses Spur.

Ach, wann wird er endlich kommen,
dieser heiß ersehnte Gast?
Kinder blicken teils benommen
von Baum zu Baum, von Ast zu Ast.

In den Blicken heißes Sehnen,
Fragen, was wird dann geschehn?
Und mancher tut schon mal erwähnen:
“Ich hab St. Nikolaus geseh´n”. 

Langsam neigt der Tag sich nieder,
die Winternacht, sie steigt herauf,
als ein leises Raunen wieder;
stoppt der Kinder frommen Lauf.

Da aus dunstigem Gefilde
steigt wie eine Nebelnacht,
ein stilles, schattiges Gebilde;
und die Dämmerung ist erwacht.

Kinderblicke werden helle
die Gesichter sind verzückt,
als Niklaus an der Tagesschwelle,
tritt in ihren Sehnsuchtsblick.

Du guter alter Nikolaus,
Du Freund der Kinder nah und fern,
leer Deinen Sack heut´ bei uns aus,
wir alle haben Dich so gern.


Verfasser Unbekannt


Montag, 2. Dezember 2019

Noch ist der Herbst nicht ganz entflohn



Noch ist Herbst nicht ganz entflohn
aber als Knecht Ruprecht schon
kommt der Winter hergeschritten.
Und alsbald aus Schnees Mitten
klingt des Schlittenglöckleins Ton.

Und was jüngst noch fern und nah
bunt auf uns herniedersah.
Weiß sind Türme Dächer Zweige 
und das Jahr geht auf die Neige 
und das schönste Fest ist da.

Tag du der Geburt des Herrn
heute bist du uns noch fern. 
Aber Tannen Engel Fahnen 
lassen uns den Tag schon ahnen 
und wir sehen schon den Stern.



Theodor Fontane 
(1819-1898)



Samstag, 30. November 2019

Advent...




Die Blumen sind verblüht im Tal, die Vöglein heimgezogen.
Der Himmel schwebt so grau und fahl, es brausen kalte Wogen.
Und doch nicht Leid im Herzen brennt.
Es ist Advent!


Es zieht ein Hoffen durch die Welt, ein starkes, frohes Hoffen.
Das schließet auf der Armen Zelt und macht Paläste offen.
Das kleinste Kind die Ursach kennt.
Es ist Advent!


Advent, Advent, du Lerchensang von Weihnachts Frühlingstunde.
Advent, Advent, du Glockenklang vom neuen Gnadenbunde.
Du Morgenstrahl von Gott gesendt.
Es ist Advent!



Friedrich Wilhelm Kritzinger

Sonntag, 17. November 2019

Vom Schenken



Schenke groß oder klein,
aber immer gediegen.
Wenn die Bedachten die Gabe wiegen,
sei dein Gewissen rein.

Schenke herzlich und frei.
Schenke dabei, was in dir wohnt
an Meinung, Geschmack und Humor,
so dass die eigene Freude zuvor
dich reichlich belohnt.

Schenke mit Geist ohne List.
Sei eingedenk, dass dein Geschenk - 
Du selber bist.



Joachim Ringelnatz


Samstag, 16. November 2019

Jemand hat mir einmal gesagt...



Jemand hat mir einmal gesagt,

die Zeit würde uns wie ein Raubtier ein Leben lang verfolgen.
Ich möchte viel lieber glauben,
dass die Zeit unser Gefährte ist,
der uns auf unserer Reise begleitet
und uns daran erinnert, jeden Moment zu genießen,
denn er wird nicht wiederkommen. 

Was wir hinterlassen ist nicht so wichtig wie die Art,
wie wir gelebt haben. 



Denn letztlich sind wir alle nur sterblich.


Jean-Luc Picard

Montag, 11. November 2019

Nasser November




Nasser November

Ziehen sie die ältesten Schuhe an
die in Ihrem Schrank vergessen stehn
Denn sie sollten wirklich dann undwann
auch bei Regen durch die Strassen gehn

Sicher werden sie ein bisschen frieren
und die Strassen werden trostlos sein
Doch trotz allem gehn sie nur spazieren
Und wenns irgend möglich ist allein

Müde fällt der Regen durch die Äste
Und das Pflaster glänzt wie blauer Stahl
Und der Regen rupft die Blätterreste
Und die Bäume werden alt und kahl

Abends tropfen hunderttausend Lichter
zischend auf den glitschigen Asphalt
Und die Pfützen haben fast Gesichter
Und die Regenschirme sind ein Wald

Ist es nicht als stiegen sie durch Träume
Und sie gehn doch nur durch eine Stadt
Und der Herbst rennt torkelnd gegen Bäume
Und im Wipfel schwankt das letzte Blatt

Geben sie ja auf die Autos acht
Gehn sie bitte falls Sie friert nach Haus
Sonst wird noch ein Schnupfen heim gebracht
Und ziehn sie sofort die Schuhe aus


Erich Kästner