Dienstag, 19. November 2019

Dem Krökelorden


An den Krökelorden 

Ein alter Kauz, im hohlen Baum
vertieft in seinen Tagestraum.
Doch aufgewacht durch lautes Pochen
von Meister Specht und durch die Lieder
der Vöglein, ist hervorgekrochen.

Und spricht also: Ihr Waldesbrüder!
Die Welt, das läßt sich nicht bestreiten,
hat ihre angenehmen Seiten;
Sie liefert Körner, Käfer, Mäuse
zum Wohlgeschmack in jeder Weise.



Und geht auch wohl so bald nicht unter.
Ich grüße euch; bleibt nur hübsch munter
und macht euch möglichst viel Pläsier.
Doch ich, der alt und kalt geworden,
ich passe nicht in euren Orden;

Mir ziemt die Ruhe. Gönnt sie mir.
Und als der Kauz also gesprochen,
ist er zurück ins Loch gekrochen.

Wilhelm Busch


Komm traurige Eule




Komm, traurige Eule, Bote des Leids
Vogel der Melancholie, Gefährte der Verzweiflung,
Bester Freund der Sorge und Feind der Heiterkeit,
Dein Beitrag nährt den Kummer.



O komm, arme Eule, und klag mir Dein Leid
Hab ich's vernommen, so klag ich Dir meins.


(Robert Jones, 1607)

An den Mond





An den Mond

Schwester von dem ersten Licht,
Bild der Zärtlichkeit in Trauer!
Nebel schwimmt mit Silberschauer
Um dein reizendes Gesicht;
Deines leisen Fußes Lauf
Weckt aus tagverschloßnen Höhlen
Traurig abgeschiedne Seelen,
Mich und nächt'ge Vögel auf.

Forschend übersieht dein Blick
Eine großgemeßne Weite.
Hebe mich an deine Seite!
Gib der Schwärmerei dies Glück;
Und in wollustvoller Ruh
Säh der weitverschlagne Ritter
Durch das gläserne Gegitter
Seines Mädchens Nächten zu.

Dämmrung, wo die Wollust thront,
Schwimmt um ihre runden Glieder.
Trunken sinkt mein Blick hernieder.
Was verhüllt man wohl dem Mond?
Doch was das für Wünsche sind!
Voll Begierde zu genießen,
So da droben hängen müssen;
Ei, da schieltest du dich blind.


Johann Wolfgang von Goethe


Die Schleiereule



Die Schleiereule

Auf ihren weizenfarb'nen Flügeln,
Mit ihrer ernsten weißen Stirn
Huscht wie ein Geist sie
Durchs Giebelloch in die Scheune.

(aus Evening von John Clare (1793 -1864)


Montag, 18. November 2019

Sternschnuppe


Sternschnuppe
Es fiel ein Stern, habt ihr gedacht,
Aus weiten, unbekannten Fernen.
Ging unter er in dunkle Nacht?
Blieb er am Himmel bei den Sternen?

Ists eine Welt, die im Entstehn
Sich Kraft und Stoff zu holen strebte?
Wars eine Welt, die im Vergehn
Durchs Leuchten sich zu Ende lebte?

Das werdet ihr vielleicht, vielleicht
Durch eure Rohre noch ergründen,
Jedoch wer ihren Weg ihr zeigt,
Kann nur der Glaube euch verkünden.

Sonntag, 17. November 2019

Zum Einschlafen zu sagen




Zum Einschlafen zu sagen
Ich möchte jemanden einsingen,
bei jemandem sitzen und sein.
Ich möchte dich wiegen und kleinsingen
und begleiten schlafaus und schlafein.
Ich möchte der Einzige sein im Haus,
der wüßte: die Nacht war kalt.

Und ich möchte horchen herein und hinaus
in dich, in die Welt, in den Wald.
Die Uhren rufen sich schlagend an,
und man sieht der Zeit auf den Grund.
Und unten geht noch ein fremder Mann
und stört einen fremden Hund.

Dahinter wird Stille. Ich habe groß
die Augen auf dich gelegt;
und sie halten dich sanft und lassen dich los,
wenn ein Ding sich im Dunkel bewegt.




Rainer Maria Rilke (1875 - 1926)


Leidenschaft Trunkenheit Wahnsinn


Maler - Johann Heinrich Wilhelm Tischbein - 
Goethe in der roemischen Campagna

Leidenschaft! Trunkenheit! Wahnsinn! 

Ihr steht so gelassen, so ohne Teilnehmung da, ihr sittlichen Menschen! Scheltet den Trinker, verabscheut den Unsinnigen, geht vorbei wie der Priester und dankt Gott wie der Pharisäer, daß er euch nicht gemacht hat wie einen von diesen. Ich bin mehr als einmal trunken gewesen, meine Leidenschaften waren nie weit vom Wahnsinn und beides reut mich nicht: Denn ich habe in meinem Maße begreifen lernen, wie man alle außerordentlichen Menschen, die etwas Großes, etwas Unmöglichscheinendes wirkten, von jeher für Trunkene und Wahnsinnige ausschreien mußte.

J.W. Goethe


Die Leiden des jungen Werthers


Von der Zeit


Von der Zeit

Mein Haus sagte zu mir -

Verlaß mich nicht, denn hier wohnt deine Vergangenheit.

Und die Straße sagte zu mir -

Komm und folge mir, denn ich bin deine Zukunft.

Und ich sage zu beiden zu meinem Haus und zu der Straße -

Ich habe weder Vergangenheit, noch habe ich Zukunft.

Wenn ich hier bleibe, ist ein Gehen in meinem Verweilen.

und wenn ich gehe, ist ein Verweilen in meinem Gang.

Nur Liebe und Tod ändern die Dinge.





Khalil Gibran



Vom Schenken



Schenke groß oder klein,
aber immer gediegen.
Wenn die Bedachten die Gabe wiegen,
sei dein Gewissen rein.

Schenke herzlich und frei.
Schenke dabei, was in dir wohnt
an Meinung, Geschmack und Humor,
so dass die eigene Freude zuvor
dich reichlich belohnt.

Schenke mit Geist ohne List.
Sei eingedenk, dass dein Geschenk - 
Du selber bist.



Joachim Ringelnatz


Samstag, 16. November 2019

Jemand hat mir einmal gesagt...



Jemand hat mir einmal gesagt,

die Zeit würde uns wie ein Raubtier ein Leben lang verfolgen.
Ich möchte viel lieber glauben,
dass die Zeit unser Gefährte ist,
der uns auf unserer Reise begleitet
und uns daran erinnert, jeden Moment zu genießen,
denn er wird nicht wiederkommen. 

Was wir hinterlassen ist nicht so wichtig wie die Art,
wie wir gelebt haben. 



Denn letztlich sind wir alle nur sterblich.


Jean-Luc Picard

Dienstag, 12. November 2019

Der Himmel hat eine Träne geweint



Der Himmel hat eine Träne geweint, die hat sich ins Meer verlieren gemeint.
Die Muschel kam und schloß sie ein, du sollst nun meine Perle sein.

Du sollst nicht vor den Wogen zagen, ich will hindurch dich ruhig tragen.
O du mein Schmerz, du meine Lust, du Himmelsträn' in meiner Brust!

Gib, Himmel, dass ich in reinem Gemüte, den reinsten deiner Tropfen hüte.




Friedrich Rückert

Tadel



Tadel

Ich tadelte meine Seele siebenmal.

Das erste Mal als ich versuchte mich auf Kosten der Schwachen zu erhöhen.

Das zweite Mal als ich vor Verkrüppelten zu hinken vorgab.

Das dritte Mal als ich vor die Wahl gestellt das Leichte dem Schweren vorzog.

Das vierte Mal als ich einen Fehler beging und mich mit den Fehlern der anderen tröstete.

Das fünfte Mal als ich aus Furcht gefügig geworden behauptete groß in der Geduld zu sein.

Das sechste Mal als ich meine Kleider hob um dem Schmutz des Lebens zu entgehen.

Das siebte Mal als ich Gott mit Hymnen pries und meinen Gesang für Tugend hielt.


Khalil Gibran


Montag, 11. November 2019

Nasser November




Nasser November

Ziehen sie die ältesten Schuhe an
die in Ihrem Schrank vergessen stehn
Denn sie sollten wirklich dann undwann
auch bei Regen durch die Strassen gehn

Sicher werden sie ein bisschen frieren
und die Strassen werden trostlos sein
Doch trotz allem gehn sie nur spazieren
Und wenns irgend möglich ist allein

Müde fällt der Regen durch die Äste
Und das Pflaster glänzt wie blauer Stahl
Und der Regen rupft die Blätterreste
Und die Bäume werden alt und kahl

Abends tropfen hunderttausend Lichter
zischend auf den glitschigen Asphalt
Und die Pfützen haben fast Gesichter
Und die Regenschirme sind ein Wald

Ist es nicht als stiegen sie durch Träume
Und sie gehn doch nur durch eine Stadt
Und der Herbst rennt torkelnd gegen Bäume
Und im Wipfel schwankt das letzte Blatt

Geben sie ja auf die Autos acht
Gehn sie bitte falls Sie friert nach Haus
Sonst wird noch ein Schnupfen heim gebracht
Und ziehn sie sofort die Schuhe aus


Erich Kästner


Ein Funken jenes ewigen Licht





Ich glaube, dass wir einen Funken jenes ewigen Lichts
in uns tragen, dass im Grunde des Seins leuchten muss
und welches unsere schwachen Sinne
nur von Ferne ahnen können.


Diesen Funken in uns zur Flamme werden zu lassen
und das Göttliche in uns zu verwirklichen,
ist unsere höchste Pflicht.



Johann Wolfgang von Goethe



Sonntag, 10. November 2019

Budda




Es gibt eine Vollkommenheit
tief inmitten alles Unzulänglichen.
Es gibt eine Stille,
tief inmitten aller Ratlosigkeit.

Es gibt ein Ziel,
tief inmitten aller weltlichen Sorgen und Nöte.

Budda




Montserrat Caballe // The Prayer - Video


Ich bete, dass Du unsere Augen bist,
Und siehst, wohin wir gehen
Und uns hilfst, weise zu sein,
In Zeiten, in denen wir nicht weiter wissen
Lass dies unser Gebet sein,
Wenn wir unseren Weg verloren haben
Führe uns zu einem Ort,
Leite uns mit Deiner Gnade
Zu einem Ort, wo wir sicher sind

Das Licht, dass uns leitet
Ich bete, dass wir dieses Licht finden
Und es in unseren Herzen bewahren
um uns daran zu erinnern
Wenn die Sterne jede Nacht erlöschen
Die ewigen Sterne, die in meinen Gebeten sind
Lass dies unser Gebet sein
Mit dem starken Glauben,
Wenn Schatten unsre Tage füllen
Führe uns zu einem Ort,
Leite uns mit Deiner Gnade
Gib uns Glauben, so dass wir sicher sind

Wir träumen von einer Welt ohne Gewalt
Einer Welt der Gerechtigkeit und der Hoffnung
Jeder reicht seine Hand seinem Nachbarn
Ein Symbol des Friedens und der Brüderlichkeit

Mit der Kraft, die wir haben,
Bitten wir, dass das Leben freundlich zu uns sei
Das ist unser Wunsch
Und wache über uns von oben
Jeder findet die Liebe
Ich hoffe, dass jede Seele
Findet sich selbst
Und einen anderen Menschen um zu lieben

Lass dies unser Gebet sein,
Lass dies unser Gebet sein,
So wie jedes Kind,
So wie jedes Kind

Wir müssen einen Platz finden,
Führe uns mit Deiner Gnade
Gib uns Glauben, so dass wir sicher sind
Und ich fühle, dass dieser Glaube, der in uns brennt,
Uns retten wird





Samstag, 9. November 2019

Ein Winterabend




Ein Winterabend
Wanderer tritt still herein Schmerz versteinerte die Schwelle.

Wenn der Schnee ans Fenster fällt lang die Abendglocke

läutet.

Vielen ist der Tisch bereitet und das Haus ist wohl bestellt.

Mancher auf der Wanderschaft kommt ans Tor auf dunklen

Pfaden.


Golden blüht der Baum der Gnaden aus der Erde kühlem
Saft.

Da erglänzt in reiner Helle auf dem Tische Brot und Wein.




Georg Trakl






Montag, 4. Februar 2019

Tu, was du tun willst




In der Welt Gottes gibt es kein "du solltest" oder "du solltest nicht".
Tu, was du tun willst.

Tu, was dich in einer großartigeren Version deines Selbst widerspiegelt,
sie repräsentiert.


Wenn du dich schlecht fühlen willst, dann fühl dich schlecht. 


Neale Donald Walsch






Sonntag, 6. Januar 2019

An etwas wie eine Seelenwanderung glaube auch ich



Hermann Hesse schreibt in einem Brief an Lisa Wenger,
deren Tochter seine spätere Ehefrau wird.

An etwas wie eine Seelenwanderung glaube auch ich,
ich halte das 
eigentlich für selbstverständlich sobald
man anfängt zu denken.

Dieser Glaube hat manches Beruhigende,
aber er enthält auch die
Erkenntnis, dass alles
was wir erleben von uns selbst gewollt und
 herbei gerufen ist.
Dann gibt es keine Ausflüchte und keinen
Trost mehr
gegen das bittere Schicksal, als sich damit
einverstanden
 zu erklären und dazu „ja“ zu sagen,
und das ist immer schwer.