Donnerstag, 4. Oktober 2018

Mit vierzig Jahren



Mit vierzig Jahren ist der Berg erstiegen
Wir stehen still und schaun zurück

Dort sehen wir der Kindheit stilles liegen

Und dort der Jugend lautes Glück

Noch einmal schau, und dann gekräftigt weiter
Erhebe deinen Wanderstab

Hindehnt ein Bergesrücken sich, ein breiter
Und hier nicht, drüben geht's hinab

Nicht atmend aufwärts brauchst du mehr zu steigen
Die Ebene zieht von selbst dich fort

Dann wird sie sich mit dir unmerklich neigen
Und eh' du's denkst, bist du im Port

Friedrich Rückert




Freitag, 14. September 2018

Meine Seele hat es eilig...


Meine Seele hat es eilig...

Ich habe meine Jahre gezählt und festgestellt,
dass ich weniger Zeit habe, zu leben, als ich bisher gelebt habe.

Ich fühle mich wie dieses Kind, das eine Schachtel
Bonbons gewonnen hat.
Die ersten ißt es mit Vergnügen, aber als es merkt,
dass nur noch wenige übrig waren, begann es, 
sie wirklich zu genießen.

Ich habe keine Zeit für endlose Konferenzen, bei denen 
die Statuten, Regeln, Verfahren und internen Vorschriften 
besprochen werden, in dem Wissen, dass nichts erreicht wird.

Ich habe keine Zeit mehr, absurde Menschen zu ertragen, 
die ungeachtet ihres Alters nicht gewachsen sind.
Ich habe keine Zeit mehr, mit Mittelmäßigkeiten zu kämpfen.
Ich will nicht in Besprechungen sein, 
in denen aufgeblasene Egos aufmarschieren.

Ich vertrage keine Manipulierer und Opportunisten.
Mich stören die Neider, die versuchen, Fähigere in Verruf zu bringen,
um sich deren Positionen,Talente und Erfolge zu bemächtigen.

Meine Zeit ist zu kurz um Überschriften zu diskutieren.
Ich will das Wesentliche, denn meine Seele ist in Eile.
Ohne viele Süssigkeiten in der Packung.
Ich möchte mit Menschen leben, die sehr menschlich sind.

Menschen, die über ihre Fehler lachen können,
die sich nichts auf ihre Erfolge einbilden.
Die  sich nicht vorzeitig berufen fühlen und die nicht
vor ihrer Verantwortung fliehen.

Die, die menschliche Würde verteidigen und die nur an der Seite 
der Wahrheit und Rechtschaffenheit gehen möchten.

Das ist es, was das Leben lebenswert macht.
Ich möchte mich mit Menschen umgeben,die es verstehen,
die Herzen anderer zu berühren.
Menschen, die durch die harten Schläge des Lebens lernten,
durch sanfte Berührungen der Seele zu wachsen.

Ja, ich habe es eilig, ich habe es eilig mit der Intensität zu leben, 
die nur die Reife geben kann.
Ich versuche keine der Süßigkeiten, die mir noch bleiben,
zu verschwenden. 
Ich bin mir sicher, dass sie köstlicher sein werden, als die,
die ich bereits  gegessen habe.

Mein Ziel ist es das Ende zufrieden zu erreichen,in Frieden mit mir, 
meinen  Lieben und meinem Gewissen.
Wir haben zwei Leben und das zweite beginnt,wenn du erkennst,
dass du nur eins hast.


Gedicht von Mario de Andrade
(San Paolo 1893-1945) Dichter, Schriftsteller,
Essayist und  Musikwissenschaftler.
Einer der Gründer der brasilianischen Moderne.


Montag, 3. September 2018

Herbst




Herbst

Ich pflücke mir am Weg das letzte Tausendschön. 
Es kam ein Engel mir mein Totenkleid zu nähen. 
Denn ich muß andere Welten weiter tragen.

Das ewige Leben dem, der viel von Liebe weiß zu sagen. 
Ein Mensch der Liebe kann nur auferstehen. 
Haß schachtelt ein! Wie hoch die Fackel auch mag schlagen.

Ich will dir viel viel Liebe sagen.
Wenn auch schon kühle Winde wehen. 
In Wirbeln sich um Bäume drehen.
Um Herzen, die in ihren Wiegen lagen.

Mir ist auf Erden weh geschehen.
Der Mond gibt Antwort dir auf deine Fragen. 
Er sah verhängt mich auch an Tagen.
Die zaghaft ich beging auf Zehen.


Else Lasker - Schüler
(1869 - 1945)

Solange du nach dem Glück jagst...




Solange du nach dem Glücke jagst 
Bist du nicht reif zum Glücklichsein 
Und wäre alles Liebste dein

Solange du um verlorenes klagst
Und Ziele hast und rastlos bist
Weißt du noch nicht was Friede ist

Erst wenn du jedem Wunsche entsagst
Nicht Ziel mehr nach Begehren kennst
Das Glück nicht mehr mit Namen nennst

Dann reicht dir des Geschehens Flut
Nicht mehr ans Herz und deine Seele ruht

Hermann Hesse



Pferd am Kirchendach


Erzählung von Baron Münchhausen

Ich trat meine Reise nach Russland von Haus ab mitten im Winter an, weil ich ganz richtig schloss, dass Frost und Schnee die Wege durch die nördlichen Gegenden von Deutschland, Polen, Kur- und Livland, welche nach der Beschreibung aller Reisenden fast noch elender sind als die Wege zu den Tempeln der Tugend, endlich, ohne besondere Kosten hochpreislicher, wohl fürsorgender Landesregierungen aus bessern müssten. Ich reiste zu Pferde, welches, wenn es sonst nur gut um Gaul und Reiter steht, die bequemste Art zu reisen ist. Denn man riskiert alsdann weder, mit irgendeinem höflichen deutschen Postmeister eine Affaire d'honneur zu bekommen, noch von seinem durstigen Postillion vor jede Schenke geschleppt zu werden. Ich war nur leicht bekleidet, welches ich ziemlich übel empfand, je weiter ich nach Nordosten hin kam. Des Reitens müde stieg ich ab und band mein Pferd an eine Art von spitzem Baumstaken, der über dem Schnee hervorragte. Zur Sicherheit nahm ich meine Pistolen unter den Arm, legte mich nicht weit davon in den Schnee nieder und tat so ein gesundes Schläfchen, dass mir die Augen nicht eher wieder aufgingen, als bis es heller, lichter Tag war. Wie gross war aber mein Erstaunen, als ich fand, dass ich mitten in einem Dorf auf dem Friedhof lag! Mein Pferd war anfänglich nirgends zu sehen; jedoch hörte ich's bald darauf irgendwo über mir wiehern. Als ich nun emporsah, so wurde ich gewahr, dass es an den Wetterhahn des Kirchturms gebunden war und von da herunterhing. Nun wusste ich sogleich, wie ich dran war. Das Dorf war nämlich die Nacht über ganz zugeschneit gewesen; das Wetter hatte sich auf einmal umgesetzt; ich war im Schlaf nach und nach, so wie der Schnee zusammengeschmolzen war, ganz sanft herabgesunken; und was ich in der Dunkelheit für ein Bäumchen, das über den Schnee herausragte, gehalten und daran mein Pferd gebunden hatte, das war das Kreuz oder der Wetterhahn des Kirchturms gewesen. Ohne mich lange zu bedenken, nahm ich eine von meinen Pistolen, schoss nach dem Halfter, kam glücklich auf die Art wieder an mein Pferd und verfolgte meine Reise.



Baron Münchhausen war ein ganz besonderer Mensch. 
Er liebte es nämlich Geschichten zu erzählen und 
hielt es dabei nicht immer so ganz mit der Wahrheit.



Sonntag, 22. Juli 2018

Im Nebel

Im Nebel

Seltsam, im Nebel zu wandern
Einsam ist jeder Busch und Stein
Kein Baum sieht den andern
Jeder ist allein
Voll von Freunden war mir die Welt
Als noch mein Leben licht war
Nun da der Nebel fällt
Ist keiner mehr sichtbar
Wahrlich keiner ist weise
Der nicht das Dunkel kennt
Das unentrinnbar und leise
Von allen ihn trennt
Seltsam Im Nebel zu wandern
Leben ist einsam sein
Kein Mensch kennt den andern
Jeder ist allein
 

Hermann Hesse



Freitag, 30. März 2018

Karfreitag und sein Brauchtum



Roger van der Wyden 1445


Heute hängt am Holz, der die Erde in die Wasser gehängt hat. Mit einem Kranz aus Dornen wird umwunden der König der Engel. Lügenhaft wird mit Purpur verhüllt, der den Himmel mit Wolken verhüllt. Schläge hat empfangen, der im Jordan den Adam befreite. Mit Nägeln wurde befestigt der Bräutigam der Kirche. Mit einer Lanze wurde durchbohrt der Sohn der Jungfrau. Wir verehren deine Leiden, Christus.
Zeige uns auch deine herrliche Auferstehung.





In katholischen Kirchen schweigen nach alter Tradition die Orgel und die Kirchenglocken nach dem Gloria der Messe vom letzten Abendmahl am Gründonnerstag. An die Stelle der Glocken und Schellen treten vielerorts Ratschen und Klappern, mit denen in vielen katholischen Landstrichen die Kirchgänger nach alter Tradition auch zu den Gottesdiensten, zum Stundengebet und zum Angelus gerufen werden.





Gesegnete Ostern



Freitag, 16. März 2018

Es kommt nicht darauf an...



Wer alt geworden ist und darauf achtet,
der kann beobachten, wie trotz dem Schwinden der Kräfte
und Potenzen ein Leben noch spät und bis zuletzt
mit jedem Jahr das unendliche Netz seiner Beziehungen
und Verflechtungen vergrößert und vervielfältigt und wie,
solange ein Gedächtnis wach ist, doch von all dem 
Vergänglichen und Vergangenen nichts verloren geht.



Es kommt für uns ältere nicht darauf an, die neue 
Jugend zu widerlegen und irgendwie abzutun,
sondern sie zu verstehen und sie so weit wir 
irgendwie können , erkennend lieben zu lernen.

Hermann Hesse




Dienstag, 6. März 2018

Vom lesen der Bücher



Bücher sind nicht dazu da, unselbständige Menschen
noch unselbständiger zu machen, und sind 
noch weniger dazu da, lebensunfähigen Menschen ein 
wohlfeiles Trug und Ersatzleben zu liefern. 

Im Gegenteil, Bücher haben nur einen Wert, 
wenn sie zum Leben führen und dem Lebenden dienen 
und nützen, und jede Lesestunde ist vergeudet, aus der 
nicht ein Funke von Kraft, eine Ahnung von Verjüngung, 
ein Hauch von neuer Frische sich für den Leser ergibt. 

Von den vielen Welten, die der Mensch nicht von der 
Natur geschenkt bekam, sondern sich aus eigenem Geiste 
erschaffen hat, ist die Welt der Bücher die Größte.

Das Amt des Dichters ist nicht das Zeigen der Wege, 
sondern vor allem das Wecken der Sehnsucht.



Hermann Hesse

Hermann Hesse




Kung Fu Tse, der große Gegenspieler des Lao Tse 
der Systematiker und Moralist, wird gelegentlich 
so charakterisiert;

Ist das nicht der, der weiß, dass es nicht geht, 
und es doch tut?

Das ist von einer Gelassenheit, einem Humor und 
einer Schlichtheit, für die ich in keiner Literatur 
ein ähnliches Beispiel weiß.

Oft gedenke ich dieses Spruches und 
manch anderer, auch beim Betrachten der 
Weltereignisse und bei den Aussprüchen derer, 
welche die Welt in den nächsten Jahren und
Jahrzehnten zu regieren und perfekt 
zu machen im Sinne haben.

Sie tun wie Kung Tse der Große,
aber hinter ihrem Tun steht nicht sein Wissen darum, 
daß es nicht geht.


Hermann Hesse
  

Mittwoch, 7. Februar 2018

Willkommen im Himmel





Ein alter Mann und sein Hund sterben bei einem Unfall. Die beiden finden sich danach auf einem schmutzigen langen Weg wieder und laufen ihn entlang. Auf beiden Seiten des Weges sind Zäune. Hinter den Zäunen  sieht man schöne Wiesen und Waldstücke, genau so wie es ein Mensch mit seinem Hund liebt. Sie laufen weiter und kommen an ein schönes Tor, in welchem eine Person in weißer Robe steht. "Willkommen im Himmel" sagt diese. Der alte Mann ist glücklich und will geradewegs mit seinem Hund eintreten. Doch der Türwächter stoppt ihn.

Hunde sind hier nicht erlaubt, es tut mir leid, aber er darf nicht mit hinein!
Was ist denn das für ein Himmel, wo Hunde nicht erlaubt sind? Sagt der alte Mann. 
Wenn er nicht hinein darf, dann bleibe ich mit ihm draußen. Er war sein ganzes Leben lang mein treuer Begleiter, da werde ich ihn doch jetzt nicht einfach zurücklassen.

Sie müssen wissen, was sie tun - aber ich warne Sie, der Teufel ist auf diesem Weg und wird versuchen Sie zu überreden, bei ihm einzukehren. Er wird Ihnen alles Mögliche versprechen aber auch bei ihm sind keine Hunde willkommen. Wenn Sie Ihren Hund jetzt nicht hier zurücklassen, dann bleiben Sie bis in alle Ewigkeit auf diesem schmutzigen, steinigen Weg.

Der alte Mann geht mit seinem Hund weiter. Sie kommen an einen herunter getrampelten Zaun ohne Tor, lediglich mit einem Loch. Ein alter Mann steht darinnen. Entschuldigen Sie, mein Hund und ich sind sehr müde, dürfen wir  einen Moment herein kommen und uns etwas in den Schatten setzen?

Aber natürlich, kommen Sie ruhig herein, dort unter dem Baum ist auch Wasser. Machen Sie es sich ruhig bequem! Darf auch wirklich mein Hund mit hinein? Ein Mann dort unten an der Straße sagte mir, dass Hunde hier nirgends erlaubt sind. Würden Sie denn hereinkommen, wenn Ihr Hund draußen bleiben müsste?

Nein, mein Herr, darum bin ich auch nicht in den Himmel gekommen. Wenn dort Hunde nicht willkommen sind, da bleiben wir lieber bis in alle Ewigkeit auf dem Weg. Mit etwas Wasser und Schatten wären wir schon zufrieden. Ich komme auf keinen Fall herein, falls mein Liebling draußen bleiben muss. Der Mann lächelt und sagt: "Willkommen im Himmel."

Das da unten war der Teufel, der alle Leute zu sich holt, die ein komfortables Leben haben möchten und dafür bereit sind, den treusten Begleiter ihres Lebens aufzugeben. Diese finden zwar bald heraus, dass es ein Fehler war, aber dann ist es zu spät. Die Hunde kommen hierher, die schlechten Menschen aber bleiben dort. Gott würde nie die Hunde aus dem Himmel verbannen! Er schuf sie, um Menschen im Leben zu begleiten, warum sollte er daher beide im Tod trennen?


(Verfasser leider unbekannt)





Mittwoch, 31. Januar 2018

Februar



Februar


Nordwind bläst. Und Südwind weht. 
Und es schneit. Und taut. Und schneit. 
Und indes die Zeit vergeht 
bleibt ja doch nur eins, die Zeit.
Pünktlich holt sie aus der Truhe 
falschen Bart und goldnen Kram. 
Pünktlich sperrt sie in die Truhe 
Sorgenkleid und falsche Scham.
In Brokat und seidnen Resten, 
eine Maske vorm Gesicht, 
kommt sie dann zu unsren Festen. 
Wir erkennen sie nur nicht.
Bei Trompeten und Gitarren 
drehn wir uns im Labyrinth 
und sind aufgeputzte Narren 
um zu scheinen, was wir sind.
Unsre Orden sind Attrappe. 
Bunter Schnee ist aus Papier. 
Unsre Nasen sind aus Pappe. 
Und aus welchem Stoff sind wir?
Bleich, als sähe er Gespenster, 
mustert uns Prinz Karneval. 
Aschermittwoch starrt durchs Fenster. 
Und die Zeit verläßt den Saal.
Pünktlich legt sie in die Truhe 
das Vorüber und Vorbei. 
Pünktlich holt sie aus der Truhe 
Sorgenkleid und Einerlei.
Nordwind bläst. Und Südwind weht. 
Und es schneit. Und taut. Und schneit. 
Und indes die Zeit vergeht, 
bleibt uns doch nur eins, die Zeit.

Erich Kästner






Samstag, 30. Dezember 2017

Man nehme zwölf Monate...


* Mutter von Goethe *


Man nehme 12 Monate, putze sie sauber von Neid, Bitterkeit, Geiz, Pedanterie 
und zerlege sie in 30 oder 31 Teile, so daß der Vorrat für ein Jahr reicht. 
Jeder Tag wird einzeln angerichtet aus 1 Teil Arbeit und 2 Teilen Frohsinn und Humor. 
Man füge 3 gehäufte Esslöffel Optimismus hinzu, 1 Teelöffel Toleranz, 1 Körnchen Ironie 
und 1 Prise Takt. Dann wird die Masse mit sehr viel Liebe übergossen. 

Das fertige Gericht schmücke man mit Sträußchen kleiner Aufmerksamkeiten und 
serviere es täglich mit Heiterkeit.


Katharina Elisabeth Goethe 1731-1808
(Mutter v. Johann Wolfgang von Goethe)

* Goethes Familie *



Donnerstag, 28. Dezember 2017

Das Neujahrsfest...


* Alma Tadema Lawrence *

Diese Geschichte spielt im alten Persien. 

Es war an der Zeit, das Neujahrsfest vorzubereiten. Der König wies seine Leute an: Ich möchte, daß es ein wirklich königliches Fest wird. Die Gästeliste soll überquellen von illustren Persönlichkeiten. Die Tische sollen sich biegen unter Delikatessen, und der Wein soll nur aus erlesenen Trauben und besten Jahrgängen bestehen.

Die Mitarbeiter schwärmten aus und brachten aus allen Landesteilen nur das Köstlichste. Aber der König war nicht zufriedenzustellen. Im letzten Jahr habe ich ein durch nichts zu überbietendes Fest gegeben. Aber die ganze Stadt sprach nur von dem Fest bei Ramun, dem Maler. Da wurde getrunken und gelacht die ganze Nacht bis zum Nachmittag des nächsten Tages. Im Jahr davor war es dasselbe. Ebenso im Jahr davor und davor. Einmal muß es mir doch gelingen, diesen Wurm zu übertrumpfen, denn ich, ich bin der König.

Einer der Mitarbeiter, ein kluger Mann, verneigte sich tief und fragte: Mein König, habt Ihr je mit dem Maler gesprochen? Es muß doch einen Grund geben, warum die Leute sein Fest so lieben, obwohl sie in schäbiger Hütte ihre mitgebrachten Happen essen und den billigsten Wein trinken müssen. 

Der König nickte stumm und sagte: Gut, schafft mir diesen Ramun heran. Und so geschah es. Warum lieben die Menschen so dein Neujahrsfest, fragte der König. Worauf der Maler: Wir sind Freunde und brauchen einander - aber mehr brauchen wir nicht. Deshalb sind wir reich.“

Verfasser Unbekannt 

* Alma Tadema Lawrence * 




Samstag, 23. Dezember 2017

Unter dem Tannenbaum


* Marcel Rieder *

Unter dem Tannenbaum 
Ich wußte es wohl, in solchen Päckchen steckte ein Stück leibhaftigen Weihnachtens, denn der Onkel hatte einen Bruder in Hamburg, und er trat nicht mit leeren Händen an den Tannenbaum. So nie gesehenes, märchenhaftes Zuckerzeug, wie er mitten in der Bescherung noch mir und meiner Schwester auf unsere Weihnachtsteller zu legen pflegte, ist mir später niemals wieder vorgekommen. Bald darauf steige ich an der Hand des Onkels die breite Steintreppe zu unserm Hause hinauf. Ein paar Augenblicke verschwindet er mit seinen Päckchen in die Weihnachtsstube; es ist noch nicht angezündet, aber durch die halb geöffnete und rasch wieder geschlossene Tür glitzert es mir entgegen aus der noch drinnen herrschenden ahnungsvollen Dämmerung. Ich schließe die Augen, denn ich will nichts sehen, und trete in das gegenüberliegende, festlich erleuchtete Zimmer, das ganz von dem Duft der braunen Kuchen und des heute besonders fein gemischten Tees erfüllt ist. Die Hände auf dem Rücken mit langsamen Schritten geht mein Vater auf und nieder. Nun, seid ihr da?' fragt er stehenbleibend.




Und schon ist auch Onkel Erich bei uns; mir scheint, die Stube wird noch einmal so hell, das er eintritt. Er grüßt die Großmutter, den Vater; er nimmt meiner Schwester die Tasse ab, die sie ihm auf dem gelblackierten Brettchen präsentiert. ,Was meinst du', sagt er, indem er seinen Augen einen bedenklichen Ausdruck zu geben sucht, ,es wird wohl heute nicht viel für uns abfallen!' Aber er lacht dabei so tröstlich, daß diese Worte wie eine goldene Verheißung klingen. Dann, während in dem blanken Messingkomfort der Teekessel saust, beginnt er eine seiner kleinen Erzählungen von den Begebenheiten der letzten Tage, seit man sich nicht gesehen. War es nun der Ankauf eines neuen Spazierstocks oder das unglückliche Zerbrechen einer Mundtasse; es floß alles so sanft dahin, daß man ganz davon erquickt wurde. Und wenn er gar eine Pause machte, um das bisher Erzählte im behaglichsten Gelächter nach zu genießen, wer hätte da nicht mitgelacht! Mein Vater nimmt vergeblich seine kritische Prise; er muß endlich doch mit einstimmen. 



Dies harmlose Geplauder – es ist mir das erst später klar geworden – war die Art, wie der tätige Geschäftsmann von der Tagesarbeit ausruhte. Es klingt mir noch lieb in der Erinnerung, und mir ist, als verstünde das jetzt niemand mehr.  Aber während der Onkel so erzählt, steckt meine Mutter, die seit Mittag unsichtbar gewesen ist, den Kopf ins Zimmer. Der Onkel macht ein Kompliment und bricht seine Geschichte ab; die Tür und die gegenüberliegende Tür werden weit geöffnet. Wir treten zögernd ein; und vor uns, zurückgestrahlt von dem großen Wandspiegel, steht der brennende Baum mit seinen Flittergoldfähnchen, seinen weißen Netzen und goldenen Eiern, die wie Kinderträume in den dunkeln Zweigen hängen…

Theodor Storm (1870 -1888)

                                            


Freitag, 22. Dezember 2017

The little Drummer Boy



Little Drummer 

Kommt, man sagte mir,
ich sollte mir einen neugeborenen König ansehen.
Unsere schönsten Geschenke bringen wir,
um sie dem König darzubringen.
Um Ihn so zu ehren,
wenn wir kommen.

Kleines Baby,
ich bin auch ein armer Junge,
ich habe kein Geschenk zu geben,
das passend wäre, 
um es unserem König zu geben.
Soll ich für dich spielen?!


Maria nickte.


Der Ochse und das Lamm ließen sich Zeit;
ich spielte meine Trommel für Ihn;
ich spielte mein Bestes für Ihn.

Da lächelte er mich an,
mich und meine Trommel.



Donnerstag, 21. Dezember 2017

Auf dem Weihnachtsmarkt


Auf dem Weihnachtsmarkt 

Am schönsten war es, wenn kurz zuvor Schnee gefallen, und bei mäßigem Frost und heiterem Wetter liegen geblieben war. 
Alsdann hatte sich das gewöhnliche Pflaster der Straße und des Platzes durch die Tritte der unzähligen Wanderer gleichsam in einen marmornen Fußboden verwandelt.

Um die Mittagsstunde wandelten dann wohl die vornehmern Stände behaglich auf und ab, schauten und kauften, luden den Bedienten, welche ihnen folgten, die Gaben auf, oder kamen auch nur wie in einem Saal zusammen, um sich zu besprechen und Neuigkeiten mitzuteilen. 


Am glänzendsten aber sind die Abendstunden, in welchen diese 
breite Straße von vielen tausend Lichtern aus den Buden von beiden Seiten erleuchtet wird, daß fast eine Tageshelle sich verbreitet, die nur hie und da durch das Gedränge der Menschen sich scheinbar verdunkelt.

Alle Stände wogen fröhlich und lautschwatzend durcheinander. 
Hier trägt ein bejahrter Bürgersmann sein Kind auf dem Arm, und zeigt und erklärt dem laut jubelnden Knaben alle Herrlichkeiten.

Eine Mutter erhebt dort die kleine Tochter, daß sie sich in der Nähe die leuchtenden Puppen, deren Hände und Gesicht von Wachs die Natur anmutig nachahmen, näher betrachten könne. 



Ein Cavalier führt die geschmückte Dame, der Geschäftsmann läßt sich gern von dem Getöse und Gewirr betäuben, und vergißt seiner Akten, ja selbst der jüngere und der ältere Bettler erfreut sich dieser öffentlichen, allen zugänglichen Maskerade, und sieht ohne Neid die ausgelegten Schätze und die Freude und Lust der Kinder, von denen auch die geringsten die Hoffnung haben, daß irgend etwas für sie aus der vollen Schatzkammer in die kleine Stube getragen werde.



So wandeln denn Tausende, scherzend, mit Planen zu kaufen, 
erzählend, lachend, schreiend, an den süßduftenden mannigfaltigen Zucker- und Marzipan-Gebäcken vorüber…

Aus Ludwig Tieck (1773 - 1853)  
Weihnachtsabend



Dienstag, 19. Dezember 2017

Jung sein...



Die Jugend kennzeichnet nicht einen Lebensabschnitt.


Man wird nicht alt weil man jung ist, jung bleibt wer noch staunen 

und sich begeistern kann, ihr seid so jung wie Euer Glaube.
Ihr werdet jung bleiben, wegen eurer Geisteshaltung.
Eine gewisse Anzahl an Jahren gelebt, und wie ein unersättliches Kind fragt.
Und dann so alt wie eure Zweifel, eure Aufnahmebereitschaft. 
Sie ist Ausdruck des Willens, der Vorstellungskraft und Gefühlsintensität.
Sie bedeutet Sieg des Mutes über die Mutlosigkeit,
Sieg der Abenteuerlust über den Hang zur Bequemlichkeit.
Man wird alt wenn man seine Ideale aufgibt.

Die Jahre zeichnen zwar die Haut, Ideale aufgeben aber zeichnet die Seele. 

Vorurteile, Zweifel, Befürchtungen und Hoffnungslosigkeit, sind Feinde 
die uns nach und nach zur Erde niederdrücken, und 
uns vor dem Tod zu Staub werden lassen.



Wer die Ereignisse herausfordert und sich freut am Spiel des Lebens.

So jung wie Euer Selbstvertrauen. So jung wie Eure Hoffnung.
So alt wie Eure Niedergeschlagenheit.



Empfänglich fürs Schöne, Gute und Große.

Empfänglich für die Botschaften der Natur, der Mitmenschen, des Unfaßlichen.
Sollte eines Tages Euer Herz geätzt werden von Pessimismus, zernagt von 
Zynismus, dann möge man Erbarmen haben mit Eurer Seele - 

Der Seele eines Greises.

Marc Aurel



Sonntag, 3. Dezember 2017

Dezemberlied



Dezemberlied

Harter Winter, streng und rauch, 
Winter, sei willkommen! 
Nimmst du viel, so gibst du auch, 
Das heißt nichts genommen!
Zwar am Äußern übst du Raub, 
Zier scheint dir geringe, 
Eis dein Schmuck, und fallend Laub 
Deine Schmetterlinge,
Rabe deine Nachtigall, 
Schnee dein Blütenstäuben, 
Deine Blumen, traurig all 
Auf gefrornen Scheiben.

Doch der Raub der Formenwelt 
Kleidet das Gemüte, 
Wenn die äußere zerfällt, 
Treibt das Innere Blüte.
Die Gedanken, die der Mai 
Locket in die Weite, 
Flattern heimwärts kältescheu 
Zu der Feuerseite.
Sammlung, jene Götterbraut, 
Mutter alles Großen, 
Steigt herab auf deinen Laut, 
Segenübergossen.

Und der Busen fühlt ihr Wehn, 
Hebt sich ihr entgegen, 
Lässt in Keim und Knospen sehn, 
Was sonst wüst gelegen.
Wer denn heißt dich Würger nur? 
Du flichst Lebenskränze, 
Und die Winter der Natur 
Sind der Geister Lenze!

(Franz Grillparzer, 1791-1872)


Freitag, 1. Dezember 2017

Altes Kaminstück



Draußen ziehen weiße Flocken
Durch die Nacht, der Sturm ist laut;
Hier im Stübchen ist es trocken,
Warm und einsam, stillvertraut.
Sinnend sitz ich auf dem Sessel,
An dem knisternden Kamin,
Kochend summt der Wasserkessel
Längst verklungne Melodien.
Und ein Kätzchen sitzt daneben,

Wärmt die Pfötchen an der Glut;
Und die Flammen schweben, weben,
Wundersam wird mir zu Mut.
Dämmernd kommt heraufgestiegen
Manche längst vergeßne Zeit,
Wie mit bunten Maskenzügen
Und verblichner Herrlichkeit.

Schöne Fraun, mit kluger Miene,
Winken süßgeheimnisvoll,
Und dazwischen Harlekine
Springen, lachen, lustigtoll.
Ferne grüßen Marmorgötter,
Traumhaft neben ihnen stehn
Märchenblumen, deren Blätter
In dem Mondenlichte wehn.

Wackelnd kommt herbeigeschwommen
Manches alte Zauberschloß;
Hintendrein geritten kommen
Blanke Ritter, Knappentroß.
Und das alles zieht vorüber,
Schattenhastig übereilt.
Ach! da kocht der Kessel über,
Und das nasse Kätzchen heult.

Heinrich Heine (1797-1856)