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Dienstag, 30. Oktober 2018
Baron Münchhausen
Freitag, 26. Oktober 2018
Der Uhu, der Kauz und zwo Eulen

Der Uhu, der Kauz und zwo Eulen
Beklagten erbärmlich ihr Leid
Wir singen; doch heißt es, wir heulen
So grausam belügt uns der Neid
Wir hören der Nachtigall Proben
Und weichen an Stimme nicht ihr
Wir selber, wir müssen uns loben
Es lobt uns ja keiner, als wir
(Friedrich von Hagedorn,
1708-1754)

Die zwei Wurzeln

Die zwei Wurzeln
Zwei Tannenwurzeln groß und alt
unterhalten sich im Wald.
Was droben in den Wipfeln rauscht,
das wird hier unten ausgetauscht.
Ein altes Eichhorn sitzt dabei
und strickt wohl Strümpfe für die zwei.
Die eine sagt knig, die andere sagt knag.
Das ist genug für einen Tag.
Christian Morgenstern

Hänschen Eichhorn heiß' ich,
Was ich gelernt hab', weiß ich.
Donnerstag, 18. Oktober 2018
Ich bin der Welt abhanden gekommen...
Mit der ich sonst viele Zeit verdorben.
Sie hat so lange nichts von mir vernommen,
Sie mag wohl glauben, ich sei gestorben!
Es ist mir auch gar nichts daran gelegen,
Es ist mir auch gar nichts daran gelegen,
Ob sie mich für gestorben hält,
Ich kann auch gar nichts sagen dagegen,
Denn wirklich bin ich gestorben der Welt.
Ich bin gestorben dem Weltgetümmel,
Und ruh' in einem stillen Gebiet!
Ich leb' allein in meinem Himmel,
Donnerstag, 4. Oktober 2018
Novalis
Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren
Sind Schlüssel aller Kreaturen
Wenn die, so singen oder küssen,
Mehr als die tief Gelehrten wissen,
Wenn sich die Welt ins freie Leben,
Und in die Welt wird zurück begeben,
Wenn sich dann wieder Licht und Schatten
Zu echter Klarheit werden gatten,
Und man in Märchen und Gedichten
Erkennt die ew´gen Weltgeschichten,
Dann fliegt vor einem geheimen Wort
Das ganze verkehrte Wesen fort.
Novalis
Friedrich von Hardenberg
Foto; Rose Novalis
Copyright; Ursula Magdalena
Mit vierzig Jahren
Mit vierzig Jahren ist der Berg erstiegen
Wir stehen still und schaun zurück
Dort sehen wir der Kindheit stilles liegen
Und dort der Jugend lautes Glück
Noch einmal schau, und dann gekräftigt weiter
Erhebe deinen Wanderstab
Hindehnt ein Bergesrücken sich, ein breiter
Und hier nicht, drüben geht's hinab
Nicht atmend aufwärts brauchst du mehr zu steigen
Die Ebene zieht von selbst dich fort
Dann wird sie sich mit dir unmerklich neigen
Und eh' du's denkst, bist du im Port
Friedrich Rückert
Freitag, 14. September 2018
Meine Seele hat es eilig...
Meine Seele hat es eilig...
Ich habe meine Jahre gezählt und festgestellt,
dass ich weniger Zeit habe, zu leben, als ich bisher gelebt habe.
dass ich weniger Zeit habe, zu leben, als ich bisher gelebt habe.
Ich fühle mich wie dieses Kind, das eine Schachtel
Bonbons gewonnen hat.
Bonbons gewonnen hat.
Die ersten ißt es mit Vergnügen, aber als es merkt,
dass nur noch wenige übrig waren, begann es,
dass nur noch wenige übrig waren, begann es,
sie wirklich zu genießen.
Ich habe keine Zeit für endlose Konferenzen, bei denen
die Statuten, Regeln, Verfahren und internen Vorschriften
besprochen werden, in dem Wissen, dass nichts erreicht wird.
Ich habe keine Zeit mehr, absurde Menschen zu ertragen,
die ungeachtet ihres Alters nicht gewachsen sind.
Ich habe keine Zeit mehr, mit Mittelmäßigkeiten zu kämpfen.
Ich will nicht in Besprechungen sein,
in denen aufgeblasene Egos aufmarschieren.
Ich vertrage keine Manipulierer und Opportunisten.
Ich vertrage keine Manipulierer und Opportunisten.
Mich stören die Neider, die versuchen, Fähigere in Verruf zu bringen,
um sich deren Positionen,Talente und Erfolge zu bemächtigen.
um sich deren Positionen,Talente und Erfolge zu bemächtigen.
Meine Zeit ist zu kurz um Überschriften zu diskutieren.
Ich will das Wesentliche, denn meine Seele ist in Eile.
Ohne viele Süssigkeiten in der Packung.
Ich möchte mit Menschen leben, die sehr menschlich sind.
Menschen, die über ihre Fehler lachen können,
die sich nichts auf ihre Erfolge einbilden.
Die sich nicht vorzeitig berufen fühlen und die nicht
vor ihrer Verantwortung fliehen.
vor ihrer Verantwortung fliehen.
Die, die menschliche Würde verteidigen und die nur an der Seite
der Wahrheit und Rechtschaffenheit gehen möchten.
Das ist es, was das Leben lebenswert macht.
Ich möchte mich mit Menschen umgeben,die es verstehen,
die Herzen anderer zu berühren.
die Herzen anderer zu berühren.
Menschen, die durch die harten Schläge des Lebens lernten,
durch sanfte Berührungen der Seele zu wachsen.
durch sanfte Berührungen der Seele zu wachsen.
Ja, ich habe es eilig, ich habe es eilig mit der Intensität zu leben,
die nur die Reife geben kann.
Ich versuche keine der Süßigkeiten, die mir noch bleiben,
zu verschwenden.
zu verschwenden.
Ich bin mir sicher, dass sie köstlicher sein werden, als die,
die ich bereits gegessen habe.
die ich bereits gegessen habe.
Mein Ziel ist es das Ende zufrieden zu erreichen,in Frieden mit mir,
meinen Lieben und meinem Gewissen.
Wir haben zwei Leben und das zweite beginnt,wenn du erkennst,
dass du nur eins hast.
dass du nur eins hast.
(San Paolo 1893-1945) Dichter, Schriftsteller,
Essayist und Musikwissenschaftler.
Einer der Gründer der brasilianischen Moderne.
Montag, 3. September 2018
Herbst
Herbst
Ich pflücke mir am Weg das letzte Tausendschön.
Es kam ein Engel mir mein Totenkleid zu nähen.
Denn ich muß andere Welten weiter tragen.
Das ewige Leben dem, der viel von Liebe weiß zu sagen.
Ein Mensch der Liebe kann nur auferstehen.
Haß schachtelt ein! Wie hoch die Fackel auch mag schlagen.
Ich will dir viel viel Liebe sagen.
Wenn auch schon kühle Winde wehen.
In Wirbeln sich um Bäume drehen.
Um Herzen, die in ihren Wiegen lagen.
Mir ist auf Erden weh geschehen.
Der Mond gibt Antwort dir auf deine Fragen.
Er sah verhängt mich auch an Tagen.
Die zaghaft ich beging auf Zehen.
Else Lasker - Schüler
(1869 - 1945)
Solange du nach dem Glück jagst...
Solange du nach dem Glücke jagst
Bist du nicht reif zum Glücklichsein
Und wäre alles Liebste dein
Solange du um verlorenes klagst
Und Ziele hast und rastlos bist
Weißt du noch nicht was Friede ist
Erst wenn du jedem Wunsche entsagst
Nicht Ziel mehr nach Begehren kennst
Das Glück nicht mehr mit Namen nennst
Dann reicht dir des Geschehens Flut
Nicht mehr ans Herz und deine Seele ruht
Hermann Hesse
Pferd am Kirchendach
Erzählung von Baron Münchhausen
Ich trat meine Reise nach Russland von Haus ab mitten im Winter an, weil ich ganz richtig schloss, dass Frost und Schnee die Wege durch die nördlichen Gegenden von Deutschland, Polen, Kur- und Livland, welche nach der Beschreibung aller Reisenden fast noch elender sind als die Wege zu den Tempeln der Tugend, endlich, ohne besondere Kosten hochpreislicher, wohl fürsorgender Landesregierungen aus bessern müssten. Ich reiste zu Pferde, welches, wenn es sonst nur gut um Gaul und Reiter steht, die bequemste Art zu reisen ist. Denn man riskiert alsdann weder, mit irgendeinem höflichen deutschen Postmeister eine Affaire d'honneur zu bekommen, noch von seinem durstigen Postillion vor jede Schenke geschleppt zu werden. Ich war nur leicht bekleidet, welches ich ziemlich übel empfand, je weiter ich nach Nordosten hin kam. Des Reitens müde stieg ich ab und band mein Pferd an eine Art von spitzem Baumstaken, der über dem Schnee hervorragte. Zur Sicherheit nahm ich meine Pistolen unter den Arm, legte mich nicht weit davon in den Schnee nieder und tat so ein gesundes Schläfchen, dass mir die Augen nicht eher wieder aufgingen, als bis es heller, lichter Tag war. Wie gross war aber mein Erstaunen, als ich fand, dass ich mitten in einem Dorf auf dem Friedhof lag! Mein Pferd war anfänglich nirgends zu sehen; jedoch hörte ich's bald darauf irgendwo über mir wiehern. Als ich nun emporsah, so wurde ich gewahr, dass es an den Wetterhahn des Kirchturms gebunden war und von da herunterhing. Nun wusste ich sogleich, wie ich dran war. Das Dorf war nämlich die Nacht über ganz zugeschneit gewesen; das Wetter hatte sich auf einmal umgesetzt; ich war im Schlaf nach und nach, so wie der Schnee zusammengeschmolzen war, ganz sanft herabgesunken; und was ich in der Dunkelheit für ein Bäumchen, das über den Schnee herausragte, gehalten und daran mein Pferd gebunden hatte, das war das Kreuz oder der Wetterhahn des Kirchturms gewesen. Ohne mich lange zu bedenken, nahm ich eine von meinen Pistolen, schoss nach dem Halfter, kam glücklich auf die Art wieder an mein Pferd und verfolgte meine Reise.
Sonntag, 22. Juli 2018
Im Nebel
Seltsam, im Nebel zu wandern
Einsam ist jeder Busch und Stein
Kein Baum sieht den andern
Jeder ist allein
Voll von Freunden war mir die Welt
Als noch mein Leben licht war
Nun da der Nebel fällt
Ist keiner mehr sichtbar
Wahrlich keiner ist weise
Der nicht das Dunkel kennt
Das unentrinnbar und leise
Von allen ihn trennt
Seltsam Im Nebel zu wandern
Leben ist einsam sein
Kein Mensch kennt den andern
Jeder ist allein
Hermann Hesse
Freitag, 30. März 2018
Karfreitag und sein Brauchtum
Roger van der Wyden 1445
Heute hängt am Holz, der die Erde in die Wasser gehängt hat. Mit einem Kranz aus Dornen wird umwunden der König der Engel. Lügenhaft wird mit Purpur verhüllt, der den Himmel mit Wolken verhüllt. Schläge hat empfangen, der im Jordan den Adam befreite. Mit Nägeln wurde befestigt der Bräutigam der Kirche. Mit einer Lanze wurde durchbohrt der Sohn der Jungfrau. Wir verehren deine Leiden, Christus.
Zeige uns auch deine herrliche Auferstehung.
In katholischen Kirchen schweigen nach alter Tradition die Orgel und die Kirchenglocken nach dem Gloria der Messe vom letzten Abendmahl am Gründonnerstag. An die Stelle der Glocken und Schellen treten vielerorts Ratschen und Klappern, mit denen in vielen katholischen Landstrichen die Kirchgänger nach alter Tradition auch zu den Gottesdiensten, zum Stundengebet und zum Angelus gerufen werden.
Gesegnete Ostern
In katholischen Kirchen schweigen nach alter Tradition die Orgel und die Kirchenglocken nach dem Gloria der Messe vom letzten Abendmahl am Gründonnerstag. An die Stelle der Glocken und Schellen treten vielerorts Ratschen und Klappern, mit denen in vielen katholischen Landstrichen die Kirchgänger nach alter Tradition auch zu den Gottesdiensten, zum Stundengebet und zum Angelus gerufen werden.
Gesegnete Ostern
Freitag, 16. März 2018
Es kommt nicht darauf an...
Wer alt geworden ist und darauf achtet,
der kann beobachten, wie trotz dem Schwinden der Kräfte
und Potenzen ein Leben noch spät und bis zuletzt
mit jedem Jahr das unendliche Netz seiner Beziehungen
und Verflechtungen vergrößert und vervielfältigt und wie,
solange ein Gedächtnis wach ist, doch von all dem
Vergänglichen und Vergangenen nichts verloren geht.
Es kommt für uns ältere nicht darauf an, die neue
Jugend zu widerlegen und irgendwie abzutun,
sondern sie zu verstehen und sie so weit wir
irgendwie können , erkennend lieben zu lernen.
Hermann Hesse
Dienstag, 6. März 2018
Vom lesen der Bücher
Bücher sind nicht dazu da, unselbständige Menschen
noch unselbständiger zu machen, und sind
noch weniger dazu da, lebensunfähigen Menschen ein
wohlfeiles Trug und Ersatzleben zu liefern.
Im Gegenteil, Bücher haben nur einen Wert,
wenn sie zum Leben führen und dem Lebenden dienen
und nützen, und jede Lesestunde ist vergeudet, aus der
nicht ein Funke von Kraft, eine Ahnung von Verjüngung,
ein Hauch von neuer Frische sich für den Leser ergibt.
Von den vielen Welten, die der Mensch nicht von der
Natur geschenkt bekam, sondern sich aus eigenem Geiste
erschaffen hat, ist die Welt der Bücher die Größte.
Das Amt des Dichters ist nicht das Zeigen der Wege,
sondern vor allem das Wecken der Sehnsucht.
Hermann Hesse
Hermann Hesse
Kung Fu Tse, der große Gegenspieler des Lao Tse
der Systematiker und Moralist, wird gelegentlich
so charakterisiert;
Ist das nicht der, der weiß, dass es nicht geht,
und es doch tut?
Das ist von einer Gelassenheit, einem Humor und
einer Schlichtheit, für die ich in keiner Literatur
ein ähnliches Beispiel weiß.
Oft gedenke ich dieses Spruches und
manch anderer, auch beim Betrachten der
Weltereignisse und bei den Aussprüchen derer,
welche die Welt in den nächsten Jahren und
Jahrzehnten zu regieren und perfekt
zu machen im Sinne haben.
Sie tun wie Kung Tse der Große,
aber hinter ihrem Tun steht nicht sein Wissen darum,
aber hinter ihrem Tun steht nicht sein Wissen darum,
daß es nicht geht.
Hermann Hesse
Mittwoch, 7. Februar 2018
Willkommen im Himmel
Ein alter Mann und sein Hund sterben bei einem Unfall. Die beiden finden sich danach auf einem schmutzigen langen Weg wieder und laufen ihn entlang. Auf beiden Seiten des Weges sind Zäune. Hinter den Zäunen sieht man schöne Wiesen und Waldstücke, genau so wie es ein Mensch mit seinem Hund liebt. Sie laufen weiter und kommen an ein schönes Tor, in welchem eine Person in weißer Robe steht. "Willkommen im Himmel" sagt diese. Der alte Mann ist glücklich und will geradewegs mit seinem Hund eintreten. Doch der Türwächter stoppt ihn.
Hunde sind hier nicht erlaubt, es tut mir leid, aber er darf nicht mit hinein!
Was ist denn das für ein Himmel, wo Hunde nicht erlaubt sind? Sagt der alte Mann.
Wenn er nicht hinein darf, dann bleibe ich mit ihm draußen. Er war sein ganzes Leben lang mein treuer Begleiter, da werde ich ihn doch jetzt nicht einfach zurücklassen.
Sie müssen wissen, was sie tun - aber ich warne Sie, der Teufel ist auf diesem Weg und wird versuchen Sie zu überreden, bei ihm einzukehren. Er wird Ihnen alles Mögliche versprechen aber auch bei ihm sind keine Hunde willkommen. Wenn Sie Ihren Hund jetzt nicht hier zurücklassen, dann bleiben Sie bis in alle Ewigkeit auf diesem schmutzigen, steinigen Weg.
Der alte Mann geht mit seinem Hund weiter. Sie kommen an einen herunter getrampelten Zaun ohne Tor, lediglich mit einem Loch. Ein alter Mann steht darinnen. Entschuldigen Sie, mein Hund und ich sind sehr müde, dürfen wir einen Moment herein kommen und uns etwas in den Schatten setzen?
Aber natürlich, kommen Sie ruhig herein, dort unter dem Baum ist auch Wasser. Machen Sie es sich ruhig bequem! Darf auch wirklich mein Hund mit hinein? Ein Mann dort unten an der Straße sagte mir, dass Hunde hier nirgends erlaubt sind. Würden Sie denn hereinkommen, wenn Ihr Hund draußen bleiben müsste?
Nein, mein Herr, darum bin ich auch nicht in den Himmel gekommen. Wenn dort Hunde nicht willkommen sind, da bleiben wir lieber bis in alle Ewigkeit auf dem Weg. Mit etwas Wasser und Schatten wären wir schon zufrieden. Ich komme auf keinen Fall herein, falls mein Liebling draußen bleiben muss. Der Mann lächelt und sagt: "Willkommen im Himmel."
Das da unten war der Teufel, der alle Leute zu sich holt, die ein komfortables Leben haben möchten und dafür bereit sind, den treusten Begleiter ihres Lebens aufzugeben. Diese finden zwar bald heraus, dass es ein Fehler war, aber dann ist es zu spät. Die Hunde kommen hierher, die schlechten Menschen aber bleiben dort. Gott würde nie die Hunde aus dem Himmel verbannen! Er schuf sie, um Menschen im Leben zu begleiten, warum sollte er daher beide im Tod trennen?
(Verfasser leider unbekannt)
Mittwoch, 31. Januar 2018
Februar
Nordwind bläst. Und Südwind weht.
Und es schneit. Und taut. Und schneit.
Und indes die Zeit vergeht
bleibt ja doch nur eins, die Zeit.
Pünktlich holt sie aus der Truhe
falschen Bart und goldnen Kram.
Pünktlich sperrt sie in die Truhe
Sorgenkleid und falsche Scham.
In Brokat und seidnen Resten,
eine Maske vorm Gesicht,
kommt sie dann zu unsren Festen.
Wir erkennen sie nur nicht.
Bei Trompeten und Gitarren
drehn wir uns im Labyrinth
und sind aufgeputzte Narren
um zu scheinen, was wir sind.
Unsre Orden sind Attrappe.
Bunter Schnee ist aus Papier.
Unsre Nasen sind aus Pappe.
Und aus welchem Stoff sind wir?
Bleich, als sähe er Gespenster,
mustert uns Prinz Karneval.
Aschermittwoch starrt durchs Fenster.
Und die Zeit verläßt den Saal.
Pünktlich legt sie in die Truhe
das Vorüber und Vorbei.
Pünktlich holt sie aus der Truhe
Sorgenkleid und Einerlei.
Nordwind bläst. Und Südwind weht.
Und es schneit. Und taut. Und schneit.
Und indes die Zeit vergeht,
bleibt uns doch nur eins, die Zeit.
Samstag, 30. Dezember 2017
Man nehme zwölf Monate...
* Mutter von Goethe *
Man nehme 12 Monate, putze sie sauber von Neid, Bitterkeit, Geiz, Pedanterie
und zerlege sie in 30 oder 31 Teile, so daß der Vorrat für ein Jahr reicht.
Jeder Tag wird einzeln angerichtet aus 1 Teil Arbeit und 2 Teilen Frohsinn und Humor.
Man füge 3 gehäufte Esslöffel Optimismus hinzu, 1 Teelöffel Toleranz, 1 Körnchen Ironie
und 1 Prise Takt. Dann wird die Masse mit sehr viel Liebe übergossen.
Das fertige Gericht schmücke man mit Sträußchen kleiner Aufmerksamkeiten und
serviere es täglich mit Heiterkeit.
Katharina Elisabeth Goethe 1731-1808
(Mutter v. Johann Wolfgang von Goethe)
* Goethes Familie *
Donnerstag, 28. Dezember 2017
Das Neujahrsfest...
* Alma Tadema Lawrence *
Diese Geschichte spielt im alten Persien.
Es war an der Zeit, das Neujahrsfest vorzubereiten. Der König wies seine Leute an: Ich möchte, daß es ein wirklich königliches Fest wird. Die Gästeliste soll überquellen von illustren Persönlichkeiten. Die Tische sollen sich biegen unter Delikatessen, und der Wein soll nur aus erlesenen Trauben und besten Jahrgängen bestehen.
Die Mitarbeiter schwärmten aus und brachten aus allen Landesteilen nur das Köstlichste. Aber der König war nicht zufriedenzustellen. Im letzten Jahr habe ich ein durch nichts zu überbietendes Fest gegeben. Aber die ganze Stadt sprach nur von dem Fest bei Ramun, dem Maler. Da wurde getrunken und gelacht die ganze Nacht bis zum Nachmittag des nächsten Tages. Im Jahr davor war es dasselbe. Ebenso im Jahr davor und davor. Einmal muß es mir doch gelingen, diesen Wurm zu übertrumpfen, denn ich, ich bin der König.
Einer der Mitarbeiter, ein kluger Mann, verneigte sich tief und fragte: Mein König, habt Ihr je mit dem Maler gesprochen? Es muß doch einen Grund geben, warum die Leute sein Fest so lieben, obwohl sie in schäbiger Hütte ihre mitgebrachten Happen essen und den billigsten Wein trinken müssen.
Der König nickte stumm und sagte: Gut, schafft mir diesen Ramun heran. Und so geschah es. Warum lieben die Menschen so dein Neujahrsfest, fragte der König. Worauf der Maler: Wir sind Freunde und brauchen einander - aber mehr brauchen wir nicht. Deshalb sind wir reich.“
Verfasser Unbekannt
* Alma Tadema Lawrence *
Samstag, 23. Dezember 2017
Unter dem Tannenbaum
* Marcel Rieder *
Unter dem Tannenbaum
Ich wußte es wohl, in solchen Päckchen steckte ein Stück leibhaftigen Weihnachtens, denn der Onkel hatte einen Bruder in Hamburg, und er trat nicht mit leeren Händen an den Tannenbaum. So nie gesehenes, märchenhaftes Zuckerzeug, wie er mitten in der Bescherung noch mir und meiner Schwester auf unsere Weihnachtsteller zu legen pflegte, ist mir später niemals wieder vorgekommen. Bald darauf steige ich an der Hand des Onkels die breite Steintreppe zu unserm Hause hinauf. Ein paar Augenblicke verschwindet er mit seinen Päckchen in die Weihnachtsstube; es ist noch nicht angezündet, aber durch die halb geöffnete und rasch wieder geschlossene Tür glitzert es mir entgegen aus der noch drinnen herrschenden ahnungsvollen Dämmerung. Ich schließe die Augen, denn ich will nichts sehen, und trete in das gegenüberliegende, festlich erleuchtete Zimmer, das ganz von dem Duft der braunen Kuchen und des heute besonders fein gemischten Tees erfüllt ist. Die Hände auf dem Rücken mit langsamen Schritten geht mein Vater auf und nieder. Nun, seid ihr da?' fragt er stehenbleibend.
Und schon ist auch Onkel Erich bei uns; mir scheint, die Stube wird noch einmal so hell, das er eintritt. Er grüßt die Großmutter, den Vater; er nimmt meiner Schwester die Tasse ab, die sie ihm auf dem gelblackierten Brettchen präsentiert. ,Was meinst du', sagt er, indem er seinen Augen einen bedenklichen Ausdruck zu geben sucht, ,es wird wohl heute nicht viel für uns abfallen!' Aber er lacht dabei so tröstlich, daß diese Worte wie eine goldene Verheißung klingen. Dann, während in dem blanken Messingkomfort der Teekessel saust, beginnt er eine seiner kleinen Erzählungen von den Begebenheiten der letzten Tage, seit man sich nicht gesehen. War es nun der Ankauf eines neuen Spazierstocks oder das unglückliche Zerbrechen einer Mundtasse; es floß alles so sanft dahin, daß man ganz davon erquickt wurde. Und wenn er gar eine Pause machte, um das bisher Erzählte im behaglichsten Gelächter nach zu genießen, wer hätte da nicht mitgelacht! Mein Vater nimmt vergeblich seine kritische Prise; er muß endlich doch mit einstimmen.
Dies harmlose Geplauder – es ist mir das erst später klar geworden – war die Art, wie der tätige Geschäftsmann von der Tagesarbeit ausruhte. Es klingt mir noch lieb in der Erinnerung, und mir ist, als verstünde das jetzt niemand mehr. Aber während der Onkel so erzählt, steckt meine Mutter, die seit Mittag unsichtbar gewesen ist, den Kopf ins Zimmer. Der Onkel macht ein Kompliment und bricht seine Geschichte ab; die Tür und die gegenüberliegende Tür werden weit geöffnet. Wir treten zögernd ein; und vor uns, zurückgestrahlt von dem großen Wandspiegel, steht der brennende Baum mit seinen Flittergoldfähnchen, seinen weißen Netzen und goldenen Eiern, die wie Kinderträume in den dunkeln Zweigen hängen…
Theodor Storm (1870 -1888)
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